Liebe Freunde der Histologie,
heute möchte ich ein Krankheitsbild vorstellen, das mehr oder weniger jeden Menschen betrifft und in Deutschland für ca. 60 % der Todesfälle verantwortlich ist – weit vor dem Krebs, der in nur ca. 25 % todesursächlich ist.
Die Atherosklerose haben wir bereits beim Herzinfarkt gestreift. Weit verbreitet ist die Bezeichnung ,,Arteriosklerose", die jedoch von einigen Autoren (und auch ich hänge dieser Auffassung an) von der Atherosklerose zu unterscheiden ist.
Die
Arteriosklerose wird demnach als ein degenerativer, im Grunde beinahe physiologischer Alterungsprozess angesehen, der nicht anderes beinhaltet als eine Vermehrung von nicht-elastischen Kollagenfasern in den Wänden von Arterien, im Prinzip also eine Vernarbung.
Die
Atherosklerose hingegen ist ein sehr viel komplexeres Krankheitsbild, das in seiner Entstehung im Grunde noch nicht vollständig verstanden wurde. Die WHO definiert die Atherosklerose wie folgt:
Zitat,,Die Atherosklerose ist eine variable Kombination von Veränderungen der Intima, bestehend aus einer herdförmigen Ansammlung von Fettsubstanzen, komplexen Kohlehydraten, Blut und Blutbestandteilen, Bindegewebe und Kalziumablagerungen, verbunden mit Veränderungen der Arterienmedia."
Um dies zu verstehen, muss man sich kurz mit der normalen Physiologie und Anatomie einer Arterie auseinandersetzen.
Die linke Herzkammer pumpt das mit Sauerstoff angereicherte, kohlendioxidarme Blut aus den Lungen in die Aorta, aus der diverse, sich immer weiter verzweigende Arterien, Arteriolen und Kapillaren abgehen. Der Aorta kommt dabei eine besondere Rolle zu, da sie als sog. ,,Windkessel" vom Herzen gefüllt wird und – während sich das Herz erneut füllt – die geförderte Blutmenge zeitverzögert aber gleichmäßig in den arteriellen Kreislauf abgibt, um dann sofort wieder vom Herzen gefüllt zu werden. Um diese Aufgabe optimal erfüllen zu können, ist es notwendig, dass die Wand der Aorta sowie der körpernahen Arterien elastisch ist. Dies wird durch elastische Fasern gewährleistet. Im Rahmen der Arteriosklerose werden diese im Laufe des Lebens mehr und mehr durch nicht-elastische Kollagenfasern ersetzt.
Eine Arterie besteht, vereinfacht und ohne Berücksichtigung des Subtyps, aus drei Wandschichten. Die innerste Schicht ist die Intima; sie besteht aus einer Lage aus flachen Epithelzellen, dem Endothel, sowie darunter gelegenem Kollagengewebe, das eine mehr oder weniger breite Lage aus elastischen Fasern (Membrana elastica interna) überkleidet. Die Media besteht aus glatter Muskulatur, Kollagenfasern sowie einer unterschiedlichen Menge von elastischen Fasern, die auch in Form einer breiten Lage (Membrana elastica externa) vorkommen können. Nach außen schließt sich die Externa (Syn. Adventitia) mit lockerem Kollagengewebe und kleinere Blutgefäßen, die die Arterienwand versorgen (Vasa vasorum), an.
Bild 1
Hier sieht man den Querschnitt durch eine Arterie. An der Innenseite erkennt man eine gewellt verlaufende Schicht aus schwarz gefärbten Fasern, die Lamina elastica interna. Das Endothel kleidet die Lichtung innen aus. Beide bilden die Intima. Die Media besteht aus reichlich Muskulatur, die hier blass rosig bis gelblich erscheint. Die Externa zeigt einerseits wiederum schwarze elastische Fasern sowie leuchtend rote, nach außen hin lockerer werdende Kollagenfasern. Rechts, rechts oben sowie links oben sind mehrere begleitende Venen mit angeschnitten.
Elastica-Van Gieson, Zeiss Plan Neofluar 2,5x
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures001/24410_1129675.jpg)
Bei der Atherosklerose kommt es zu gravierenden krankhaften Veränderungen der Arterienwand. Diese lassen sich in 5 Abschnitte untergliedern:
1.
Endothelläsion: Durch eine Vielzahl von Risikofaktoren (z.B. Nikotin, hohe Blutfettwerte, Bluthochdruck, Diabetes oder Gicht) kommt es zu
einer Schädigung der die Lichtung auskleidenden Zellschicht, wodurch Fette aus dem Blut in oder unter die Intima gelangen. Die Rolle des
Alters ist hierbei noch weitgehend unklar.
2.
Intimaödem: Monozyten wandern in die Intima, Thrombozyten versuchen, die Endothelläsion abzudichten.
3.
Schaumzellbildung: Die Monozyten differenzieren sich zu Makrophagen und nehmen das in der Arterienwand abgelegt Fett auf. Die Inima
können sie jedoch nicht wieder verlassen, daher bleiben sie in und unter der Intima liegen.
4.
Plaque: Reaktiv kommt es zunächst zu einer Vermehrung von Muskelzellen und Bindegewebszellen (Fibroblasten); hierbei werden später
kontraktile Muskelzellen in sekretorische Zellen umgewandelt. Es kommt zur Anhäufung von Kollagenfasern und Zuckerverbindungen
(Proteoglykanen). Später fallen auch Kalksalze an.
5.
Komplexe Läsion: Die so entstandene Plaque bricht immer wieder auf, der Körper versucht darauf hin, die Läsion zu verschließen. An der
Oberfläche kommt es zur Blutgerinnung, im Inneren zu einer Entzündungsreaktion.
Dieses ist ein Erklärungsmodell der Atherosklerose, das als
,,Reaction/Response to Injury-Hypothese" bezeichnet wird. Daneben existieren jedoch noch mehrere andere Erklärungsansätze!
Bild 2
Dieses ist ein makroskopisches Bild einer menschlichen Arterie, die längs aufpräpariert wurde. Mit Mühe erkennt man kleine gelbliche Flecken. Diese entsprechen Ansammlungen von Makrohagen in der Intima, die wegen des Fettgehaltes gelb aussehen. So beginnt die Atherosklerose! Diese Veränderungen nennt der Pathologe ,,Lipidfleck".
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures001/24410_50835399.jpg)
Bild 3
Hier ist eine ebenfalls längs eröffnete Brustaorta eines Menschen mit einer hochgradigen Atherosklerose zu sehen. Neben glatten Anteilen findet man große Lipidflecken und ein sog. ulzeriertes Atherombeet. Hier ist die Intima zerstört, die Oberfläche ist geschwürartig verändert und aufgebrochen, sodass man auf tiefere Schichten sowie reichlich Fett blickt. Außerdem findet an der Oberfläche immer wieder Blutgerinnung statt.
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures001/24410_5891607.jpg)
Bild 4
Dies ist ebenfalls eine hochgradige Atherosklerose, wobei die eröffnete Arterie stark verkalkt ist. Hierdurch ist die Lichtung verkleinert. Bleibt hier ein Blutgerinnsel hängen, kann es zum Infarkt des dahinter liegenden Gewebes kommen – wir kennen dies schon vom Herzinfarkt!
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures001/24410_63795729.jpg)
Bild 5
Ein histologischer Schnitt durch eine hochgradig atherosklerotisch veränderte Arterie. De Lichtung ist hochgradig eingeengt, die Intima stark verbreitert. De Lamina elastica interna ist aufgrund der Lumeneinengung stark geschrumpft, sie ist deutlich aufgefaltet. Die Media besteht nahezu vollständig aus Kollagen, Muskelzellen sind nicht zu erkennen.
HE, Zeiss Plan Neofluar 2,5x
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures001/24410_52235532.jpg)
Bild 6
Ein Schnitt durch eine andere Arterie, bei der man links die Intima mit dicht gelagerten Schaumzellen erkennt (das Fett wurde beim Einbetten aufgelöst, daher erscheine sie leer). Die gesamte Wand besteht nur aus Kollagenfasern – einem dichten Narbengewebe. Diese Arterie ist sicher nicht mehr elastisch.
HE, Zeiss Plan Neofluar 2,5x
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures001/24410_1788721.jpg)
Bild 7
Eine stärkere Vergrößerung der selben Arterie. Eingebettet in derbes Kollagengewebe erkennt man braune Siderophagen, die altes Blut (Eisen aus Hämoglobin) aufgenommen haben, sowie Lymphozyten, Zellen der chronischen Entzündung.
HE, Zeiss Plan Neofluar 10x
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures001/24410_13383617.jpg)
Bild 8
Eine Vergrößerung von Bild 5. Auf der gewellt verlaufenden Lamina elastrica interna ist es zu einer dystrophen Verkalkung gekommen. Die Kalkspange ist beim Schneiden angebrochen.
HE, Zeiss Plan Neofluar 10x
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures001/24410_65391879.jpg)
Bild 9
Ein Querschnitt durch eine komplexe Läsion. Links sieht man Anteile einer vernarbten Arterienwand, die ältere Blutungen sowie etliche Lymphozyten aufweist. Rechts findet sich eine Ulzeration, mit Einblutungen, zahlreichen Makrophagen, Schaumzellen, Lymphozyten und Thrombozyten. Rechts oben in der Ecke erkennt man einzelne Endothelzellen der Intima, die versuchen, die Läsion zu überkleiden.
HE, Zeiss Plan Neofluar 10x
(https://www.mikroskopie-forum.de/pictures001/24410_56953404.jpg)
Möglicherweise etwas theorielastig, vielleicht aber für den Einen oder Anderen interessant.
Herzliche Grüße,
Florian